Im Auftrag des Präsidenten des Nationalrates

Die tiefreichenden Wurzeln des (europäischen) Antisemitismus

von Maximilian Gottschlich

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Abstract

Mehr als 70 Jahre nach Auschwitz ist der Antisemitismus in Europa virulenter denn je. Die Juden Europas sind, so Gottschlich, mit einer dreifachen antisemitischen Bedrohung konfrontiert: zum einen mit einem nicht überwundenen christlichen Antisemitismus; zum anderen mit einem sich radikalisierenden Antizi­onismus und Antiisraelismus von links bis rechts; und schließlich mit einem importierten gewaltbereiten, kulturell und religiös tief verwurzelten islamischen Judenhass. Diese unterschiedlichen Antisemitismen amalgamieren aus Sicht des Autors zu einer giftigen Mixtur antisemitischer Stereotype, Klischees und Weltverschwörungsfantasien. Ihr gemeinsames Schnittfeld ist der Hass auf den jüdischen Staat. Israel ist der kollektive Jude, der für alles Übel in der Welt verantwortlich gemacht wird. Der massiven Bedrohung der Juden Europas durch den islamischen Antijudaismus können die europäischen Gesellschaften nur wenig entgegensetzen, weil sie selbst an einer, wie Gottschlich es formuliert, anhaltenden antisemiti­schen Immunschwäche leiden.

Worin aber liegen die tiefergehenden, weithin verborgenen Ursachen für diese unerklärliche und un­heimliche Persistenz des Antisemitismus? Um sich dieser komplexen Problemstellung anzunähern, greift der Autor auf ein Verständnis von Antisemitismus zurück, das bereits in den 1940er-Jahren von den Pio­nieren der Antisemitismusforschung – unter ihnen Ernst Simmel, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer – entwickelt wurde. Antisemitismus sei, so schlugen sie vor, als sozio-pathologisches Geschehen zu ver­stehen, als „soziale Krankheit“, der kollektiv-psychische und psycho-soziale Ursachen zugrunde liegen. Damit wird deutlich, warum dem destruktiven antisemitischen Vorurteil, der antijüdischen Obsession auf rationalem Wege allein nicht beizukommen ist. Der Antisemitismus entpuppt sich als weitgehend aufklärungsresistent.

Vor dem Hintergrund des Verständnisses von Antisemitismus als „sozialer Krankheit“ unterscheidet Gottschlich drei einander überlagernde und miteinander in Wechselwirkung stehende Wurzelstränge, aus denen sich auch der moderne Antisemitismus, also der „Antisemitismus nach Auschwitz“ speist. Zunächst setzt sich der Autor mit den religionspsychologischen Wurzeln des Antisemitismus auseinan­der. In ihnen vermittelt sich das Erbe eines zweitausend Jahre alten kirchlich-religiösen Antisemitismus. Gottschlich weist darauf hin, dass die kirchlich-religiöse Judenfeindschaft, die sich durch zwei Jahrtau­sende hindurch tief in die christliche Kollektivseele senkte, nicht deswegen schon verschwinden würde, nur weil der christliche Glaube in der säkularen Gesellschaft zunehmend erodiert. Auch ist es, so der Au­tor, dem katholischen Christentum nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1965 und dem offiziellen Be­kenntnis der Kirche zum Judentum nicht gelungen, eine Religiosität zu entwickeln, die gegen Judenhass immunisieren hätte können. Warum ist gerade der christliche Antisemitismus so schwer zu überwinden? Mögliche Antworten auf diese Frage liegen für Gottschlich in Freuds psychoanalytischer Auseinanderset­zung mit dem Antisemitismus und seiner Analyse der verschütteten religionspsychologischen Motive des christlichen Antisemitismus.

Der zweite vom Autor in den Blick genommene Wurzelstrang hängt mit den psychopathologischen Me­chanismen der Schuldabwehr zusammen. Zur Schuldabwehr, die sich als Schuldprojektion oder auch als Täter-Opfer-Umkehr manifestiert, kann es dann kommen, wenn ungelöste Konflikte zwischen Individu­um und seinem sozialen Umfeld amalgamieren. Mit diesen ungelösten Konflikten geht auch irrationaler Hass einher, der danach drängt, nach außen, auf ein äußeres Objekt projiziert und legitimiert zu werden. Und dazu dienen seit alters her die Juden. Gottschlich stützt sich dabei auf die Überlegungen von Alice Miller, die darauf aufmerksam machte, dass der Judenhass zu allen Zeiten eine entwicklungspsycho­logische Ventilfunktion hatte: nämlich den im Menschen von Kindheit an aus verschiedenen Gründen aufgestauten oder aufgrund eines engen Tugendkonzepts nicht zugelassenen Hass abzuführen bzw. zu kanalisieren. Schuldabwehr durch Schuldprojektion oder Täter-Opfer-Umkehr ist eine psychische Entlas­tungsstrategie, die auch dem sekundären Antisemitismus, also dem Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz zugrunde liegt. Gottschlich zeigt auf, wie diese psychische Entlastungsstrategie gerade auch im Zusammenhang mit dem modernen Antisemitismus funktioniert, der in Gestalt des – meist als „legitime“ Israelkritik getarnten – Antizionismus und Antiisraelismus auftritt, und welche Rolle dabei das Israel-Bashing spielt.

Als Drittes verweist Gottschlich auf die sozial-psychologischen Wurzeln des Antisemitismus, die beson­ders in den beiden Faktoren der imaginierten Bedrohung und der gesellschaftlichen Rivalitätskonflik­te in Erscheinung treten. Beide Faktoren zählen seit alters her zum Kernbestand negativer Mythen über Juden. Die Geschichte zeigt, dass die Behauptung der Bedrohung stets dazu diente, den Vernichtungs­willen gegenüber den Juden zu rechtfertigen. Das destruktive Vorurteil des Antisemiten operiert stets mit Bedrohungsbildern insbesondere in Zeiten ökonomischer und sozialer Unsicherheit. Krisenzeiten verschärfen auch das in der Gesellschaft tief verankerte rivalisierende Begehren: Der Antisemit sieht in den Juden diejenigen, die der Erfüllung seiner Wünsche entgegenstehen und die alles das haben, was er auch haben könnte, gäbe es die Juden nicht. Für diese schmerzvolle Erfahrung des eigenen Mangels, des als Scheitern erlebten Ungenügens, das mit Selbstabneigung und Selbsthass einhergehen kann, macht der Antisemit nicht sich selbst, sondern die Juden verantwortlich. Die Schuldprojektion dient dazu, das verlorene psychische Gleichgewicht – zumindest vordergründig – wiederherzustellen.

Gottschlichs Ausführungen machen deutlich, dass es anderer, grundlegenderer Antworten auf den Anti­semitismus bedarf, als sie bisher gegeben wurden. Die Macht des destruktiven Vorurteils, des endemisch sich ausbreitenden Hasses in der Gesellschaft ist mit den Mitteln der Aufklärung allein nicht einzudäm­men. Wenn Antisemitismus als „soziale Krankheit“ gesehen werden muss, als irrationales Phänomen des Hasses, dann kann – so das Plädoyer des Autors – die einzige nachhaltige therapeutische Antwort nur in einer neuen Kultur des Mitgefühls liegen …

© Manfred Bobrowsky

Maximilian Gottschlich, 1948 in Wien geboren, ist emeritierter Universitätsprofessor für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien. Gottschlich stammt aus einer jüdisch-christlichen Familie; seine jüdische Großmutter Clara war Tochter des jüdischen Arztes, sozialdemokratischen Politikers und Publizisten Michael Schacherl, u. a. steirischer Abgeordneter in der konstituierenden Nationalversammlung und von 1921 bis 1934 Zweiter Chefredakteur der legendären Arbeiter-Zeitung. Dieser biografische Hintergrund motivierte Maximilian Gottschlich, sich intensiv auch mit Fragen jüdisch-christlicher Verständigung sowie mit den Ursachen und Erscheinungsformen des modernen Antisemitismus auseinanderzusetzen. Zuletzt erschien von ihm zu dieser Thematik: „Versöhnung. Spiritualität zwischen Thora und Kreuz. Spurensuche eines Grenzgängers, Wien/Köln/Weimar 2008; „Die große Abneigung. Wie antisemitisch ist Österreich? Kritische Befunde zu einer sozialen Krankheit“, Wien 2012; „Unerlöste Schatten. Die Christen und der neue Antisemitismus“ Paderborn 2015.